"Wort zur Woche" vom 20. Oktober 2018

   Pfarrerin Jutta Schröppel

Liebe Leserinnen und Leser!
Mit dem Spätherbst kann es einem ganz unterschiedlich gehen. Manche erinnert er an schöne und behagliche Stunden: an Spaziergänge durch raschelndes Laub. An gemütliche Nachmittage und Abende im warmen Zimmer, vielleicht bei Kaffee und Kerzenschein. Andere empfinden diese Jahreszeit als düster und bedrückend. Die Tage werden merklich kürzer. Der Himmel ist oft wolkenverhangen. Der Weg durch die herbstliche Natur wird zum Spiegelbild unserer Tage. Abgestorbenes Laub, welke Gräser, aufsteigende Nebelschwaden erinnern nur allzu leicht an die Begrenztheit des eigenen Lebens, an Tod und Sterben. Und doch wissen wir, dass die graue, düstere, totgeglaubte Natur nicht tot bleibt, sondern zu neuem Leben erwacht.

Jedes Jahr nehmen wir von neuem wahr, dass das Fallen der Blätter nicht das Letzte ist, sondern dass neues Leben entsteht, wächst und gedeiht. Besonders diejenigen unter uns, die sich um das Bepflanzen von Gärten und Landschaften kümmern, kennen den Rhythmus der Natur sehr genau und sorgen dafür, dass im Herbst aus den Gärten nichts herausgerissen wird, ohne dass zugleich Vorbereitungen für das Frühjahr getroffen werden. Und so gibt es inmitten aller sich abzeichnenden Untergänge Aufgänge, die Neues verheißen. Mit den Augen des Glaubens betrachtet, heißt das für uns, die wir ein Teil der Natur, der Schöpfung, sind: Wir dürfen darauf vertrauen, dass wir nicht nur im Leben, sondern auch im Tod, ja über den Tod hinaus, bei Gott geborgen sind. Der Dichter Reiner Maria Rilke hat dafür Worte gefunden. Er schreibt:
„Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.“

Vor uns liegt eine Zukunft bei Gott! Was für eine Botschaft in diesem immer wieder so düsteren November! Was für ein Trost! Gerade in Zeiten der Trauer, gerade dann, wenn wir an einen lieben Menschen denken, von dem wir Abschied nehmen mussten.  An diesem Sonntag, dem Ewigkeitssonntag,  sind wir eingeladen, uns im Gottesdienst auf besondere Weise an all diejenigen zu erinnern, die in diesem Jahr verstorben sind. Mit wieviel Hoffnung und Zuversicht kann dann die Kerze für den geliebten Menschen entzündet werden!

Ihre Pfarrerin Jutta Schröppel
Koordination Suizidprävention und Seelsorge am BKH Kempten